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Von 245.000 zu sechs Millionen Ladepunkten bis 2030: EU-Abgeordneter fordert, dass Länder mit wenigen E-Autos umso mehr Ladesäulen bauen müssen
Zusammenfassung:Ein Tesla Elektroauto wird in Berlin an einer Ladesäule aufgeladen. picture alliance / dpa-tmn | Zac
Ein Tesla Elektroauto wird in Berlin an einer Ladesäule aufgeladen.
picture alliance / dpa-tmn | Zacharie Scheurer
Auch wenn sich die EU bei den Zielen für 2030 auf noch keine Millionenziffer festgelegt hat, haben sich mittlerweile alle Seiten auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur geeinigt – sowohl die Autoindustrie, als auch die NGOs und die Politik.
Doch aktuell gibt es in der ganzen EU nur 245.000 öffentliche Ladesäulen. Der SPD-Europaabgeordnete Ismail Ertug hat zwei Vorschläge, die unwillige Länder zum Ausbau der Infrastruktur zwingen sollen.
Aktuell ist die Bereitschaft für Investitionen in die nötige Ladeinfrastruktur nämlich noch gering. Besonders in den osteuropäischen Ländern, in denen Elektroautos großteils noch kaum eine Rolle spielen.
Wenn es um die E-Mobilität geht, zeigt sich in Europa derzeit ein zwiespältiges Bild. Während der Anteil vollelektrischer Autos an den Neuzulassungen in Deutschland und den westlichen Nachbarländern innerhalb der letzten zwei Jahre sprunghaft angestiegen ist, geht es beim Ausbau der nötigen Ladeinfrastruktur eher schleppend voran. Die EU-Kommission hat errechnet, dass bis 2030 europaweit 6 Millionen Ladepunkte benötigt werden, um den CO2-Ausstoß um weitere 50 Prozent senken zu können. Diese sollen an den wichtigsten Autobahnen höchstens 60 Kilometer voneinander entfernt liegen, um die nötige Dichte der Infrastruktur zu gewährleisten.
Da die Konzerne Milliarden Euro in die Entwicklung von E-Autos gesteckt haben und ihnen ein Scheitern der E-Mobilität wirtschaftlich schwer zu schaffen machen würde, setzen sie mit ihren Forderungen mittlerweile sogar noch ein Stückchen höher als die Politik an. Der europaweite Branchenverband ACEA rechnet zum Ende des Jahrzehnts mit einem Bedarf von 7 Millionen Lademöglichkeiten. Dessen Mitglieder, zu denen unter anderem BMW, Daimler, Renault und Stellantis gehören, geraten vor allem auf ihrem Heimatkontinent zunehmend unter Druck. Der EU-Klimaschutz-Kommissar Frans Timmermanns fordert schließlich, dass in Europa ab 2035 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden dürfen.
Fünf bis sechs Jahre wurden vertrödelt
Egal auf welche Zahl sich die EU letzten Endes festlegen wird, der Ausbau wird ein Kraftakt werden. 2025 soll es in Europa schon eine Million Ladepunkte geben, aktuell sind es jedoch nur rund 245.000 Stück. Den EU-Parlamentsabgeordnete Ismail Ertug ärgert dies, weil man seiner Auffassung nach bei dem Thema schon deutlich weiter sein könnte. „Die Kommission hatte schon 2013 einen guten Vorschlag zum Ausbau der Ladeinfrastruktur gemacht. In den Anlagen 1 und 2 hatte sie damals knallhart für jedes Mitgliedsland verbindliche Ziele eingefordert.“, sagt der SPD-Abgeordnete im Gespräch mit Business Insider. Dem Vorschlag sei jedoch damals vom Ministerrat „die Seele geraubt” worden, da er die wichtigen Anlagen rausgenommen hat. „Daran war allen voran Deutschland beteiligt, so Ertug.
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Laut Ertug hatte die hiesige Autoindustrie damals, vor dem Diesel-Skandal, dem Pariser Klimaabkommen und der Fridays for Future-Bewegung, noch keine Ambitionen im großen Stil in die Elektromobilität zu investieren. VW, BMW und Daimler widmeten sich noch vorrangig der Entwicklung ihrer Diesel- und Benzinmotoren, während sie sich über die strenger werdende Umweltgesetzgebung nur ärgerten. „Dadurch haben wir beim Ausbau der Ladeinfrastruktur mindestens fünf, wenn nicht sogar sechs Jahre verloren. Wenn es so gekommen wäre, wie es sich die EU-Kommission damals vorgestellt hatte, hätten wir heute europaweit schon 677.000 Ladepunkte, gibt der Politiker zu Bedenken.
Ein Kilowatt Ladekapazität pro verkauftem E-Auto
Jetzt haben nach Ansicht des SPD-Politikers endlich alle Beteiligten erkannt, wie wichtig das Unterfangen ist: „Wir befinden uns jetzt in einer ausgesprochen komfortablen Situation, da jetzt alle, aus unterschiedlichen Motiven, den Ausbau wollen. Seien es die Autobauer, die Politik oder die NGOs. Diesen günstigen Moment muss man nutzen.“ Dies erkenne man vor allem an dem Drängeln und den harschen Forderungen seitens der Autoindustrie: „Dieselben, die das damals verhindert haben, schreien heute am lautesten nach einem sofortigen Ausbau der Ladeinfrastruktur”, so Ertug.
Ismail Ertug, SPD-Abgeordenter im EU-Parlament.
Ismail Ertug / Presse
Der Abgeordnete, der für die Oberpfalz und Niederbayern im EU-Parlament sitzt, ist zudem Berichterstatter für die Verordnung zum Aufbau der Infrastruktur für Alternative Kraftstoffe, kurz AFIR. Bei den Ladepunkten für E-Autos hat sich die EU-Kommission für dynamische Zielvorgaben entschieden. Wie viele Säulen tatsächlich errichtet werden müssen, soll vom Marktanteil reiner E-Autos abhängig gemacht werden. Pro neu zugelassenem Elektrofahrzeug muss der jeweilige Mitgliedsstaat eine Ladekapazität von einem Kilowatt zur Verfügung stellen. Bei Plug-in-Hybriden werden jeweils 0,66 kW fällig.
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Einige Staaten stellen sich quer
Allerdings driften die Bemühungen bezüglich der Elektrifizierung der PKW-Flotte innerhalb der EU weit auseinander. Etwa 70 Prozent der circa 245.000 Ladepunkte in Europa verteilen sich auf genau drei Länder, in denen der Kauf von E-Autos staatlich hoch subventioniert wird: Deutschland, Frankreich und die Niederlande. Weitere zehn Prozent gehen auf die Kappe von Italien und Schweden. Währenddessen stehen die meisten EU-Staaten Ost- und Südeuropas dem batterielektrischen Auto noch recht skeptisch gegenüber und haben bisher wenig in den Ausbau der nötigen Infrastruktur investiert.
Tschechien und Italien stemmen sich zudem gegen den anvisierten Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Andrej Babiš, der bis vergangenen Dezember der Ministerpräsident Tschechiens war, sprach bezüglich des ambitionierten „Fit for 55“-Programms der EU-Kommission sogar von „grünen Fanatikern” im EU-Parlament. Die US-Agentur Bloomberg hatte im September darüber berichtet. Das Paket umfasst alle Bereiche, mit dem Ziel, bis 2030 rund 55 Prozent weniger CO2 auszustoßen. Bis 2050 will die EU dann komplett klimaneutral sein.
„Mit Freiwilligkeit kommt da nicht weiter
Als die EU-Kommission im Juli 2021 den ersten Teil des „Fit for 55“-Pakets vorgestellt hat, gab es bei der ersten Ratssitzung laut Ertug heftigen Gegenwind seitens der noch skeptischen Staaten. Trotz der Anfangsproteste haben aber in den vergangenen Monaten einige Mitgliedstaaten die wirtschaftlichen Chancen erkannt. „Inzwischen hat sich das verändert, die erkennen mittlerweile auch die Zeichen der Zeit. Die osteuropäischen Staaten möchten nicht die Resterampe Deutschlands und Frankreichs werden, sondern in den neu entstehenden Industrien auch eine Rolle spielen”, meint Ertug. In Polen ist der Marktanteil von E-Autos 2021, ähnlich wie bei den westlichen Nachbarn, deutlich gestiegen.
Nach Ansicht des SPD-Politikers wird es aber trotzdem nicht ohne Druck gehen: „Ich bin schon lang genug im Geschäft, um zu wissen, dass man da mit Freiwilligkeit nicht weiterkommt. Man muss als Kommission und Parlament zeigen, dass man es ernst meint“, stellt der Abgeordnete klar. Einer seiner Vorschläge ist, dass all die Staaten, die nicht mitziehen wollen oder inkonsequent sind, pro nicht errichteter Ladesäule eine Strafe in Höhe von 1.000 Euro zahlen müssen. „Ich weiß, dass sich der Europäische Rat gegen diese finanziellen Sanktionen stellen wird. Diese Auseinandersetzung gehe ich aber gerne ein”, so der Sozialdemokrat entschlossen.
Je kleiner der Elektro-Anteil, desto mehr Ladesäulen
Um zu verhindern, dass Staaten mit einem besonders niedrigen E-Auto-Anteil fein raus sind, haben Ertug und sein Team einen weiteren Vorschlag parat: „Wenn der Anteil vollelektrischer Autos in einem Mitgliedsland unter einem Prozent liegt, muss es für jedes zugelassene E-Auto 3 kW-Ladeinfrastruktur aufbauen. Wenn die betroffenen Staaten den Elektro-Anteil dann auf 1 bis 2,5 Prozent erhöhen konnten, genügen wiederum 2,5 kW pro zugelassenes Elektrofahrzeug. Ab der Schwelle von 7,5 Prozent reicht dann ein kW je Auto, erklärt der SPD-Politiker. Das bedeutet, dass Länder, in denen wenige E-Autos zugelassen werden, dennoch ein gutes Ladenetz aufbauen sollen. Je mehr E-Autos verkauft werden, umso weniger Ladesäulen müssen in dem jeweiligen Land gebaut werden. Die Logik dahinter: Zuerst die Infrastruktur, dann die E-Autos.
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So soll den Autofahrern in den betroffenen Ländern, in denen E-Autos möglicherweise nicht staatlich bezuschusst werden, der Umstieg auf ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug erleichtert werden. Das Totschlagargument, dass es zu wenige öffentliche Lademöglichkeiten gibt, zieht dann nämlich nicht mehr. „Wenn du dich als Mitgliedsstaat blöd stellst und keine Lust auf diesen Wandel hast, musst du mit Sanktionen rechnen. Um dies deutlich zu machen, müssen wir da auch einen Mechanismus einziehen, stellt das Parlamentsmitglied klar.
Schwache Stromnetze erschweren den Ausbau
Die Nutzungsfrage wird bei den Ladesäulen laut dem Berichterstatter auf lange Sicht aber nicht das Hauptproblem sein. Schwerwiegender sei, dass das Stromnetz in einigen Ländern schwach auf der Brust ist. „Im Schwerlastverkehr wird beispielsweise vor allem entlang der Autobahnen und auf Autohöfen geladen, wo sich natürlich die gesamte Ladung ballt. Da wird sich in absehbarer Zeit die Frage stellen, ob man an diese Stellen überhaupt genug Strom bekommt. Angesichts der 60-Kilometer-Regel wird also vor allem in eher dünn besiedelten Ländern zusätzlich viel Geld in den Ausbau und die Verbesserung des Stromnetzes fließen müssen.
„Der Hochlauf der Elektromobilität hängt natürlich auch maßgeblich davon ab, ob wir Europäerinnen und Europäer die E-Autos auch europaweit problemlos nutzen können meint Ertug. Deshalb sei es nicht nur für die lokalen Elektroauto-Besitzer wichtig, dass klassische Urlaubsländer wie Italien oder Kroatien genug Lademöglichkeiten zur Verfügung stellen. Wenn sie dies nicht tun, könnte auf lange Sicht auch der Tourismus darunter leiden, während es sich auch die hiesigen Autofahrer zweimal überlegen könnten, ob sie ihr Geld in ein vollelektrisches Auto investieren sollen.
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